Zwischen den Fragen
Wie ehemalige Führungskräfte einen Tag ohne Agenda überleben
Was bisher geschah: Vor der Gruppe hatte sich eine Wand geöffnet…
Niemand ging durch die Öffnung. Alle starrten auf den Riss.
Jens hatte auf etwas gewartet. Vielleicht auf Musik. Auf Licht, auf einen Gong oder irgendein Zeichen, dass jetzt der nächste Abschnitt begann.
Doch nichts geschah. Die Öffnung blieb einfach da.
Nach einer Weile setzte sich Karla wieder. Dann Fynn. Dann Rossi.
Nur Holger lief noch einige Minuten vor der Wand auf und ab, als würde er auf eine Fehlermeldung warten.
„Das kann doch nicht alles sein“, sagte er schließlich.
Niemand antwortete.
„Wir haben gerade eine Wand geöffnet.“
Stille.
„Das ist doch mindestens ein Projekt.“
„Oder ein Tor“, sagte Lin.
„Ein Tor ist auch ein Projekt“, entgegnete Holger.
„Genau deshalb sind wir hier“, murmelte Karla.
Holger ignorierte sie.
Er hatte bereits begonnen, Moderationskarten zu verteilen.
Zwanzig Minuten später hing an einer Wand ein provisorisches Raster.
Mögliche nächste Schritte
Potenziale
Risiken
Low hanging fuits
Langfristige Hebel
Jens betrachtete die Karten und musste lächeln.
„Was?“, fragte Holger.
„Nichts.“
„Doch.“
„Du hast gerade wieder ein Projektmanagement-Framework gebaut.“
Holger betrachtete sein Werk.
„Ach.“
Kurze Pause.
„Verdammt.“
Er nahm zwei Karten wieder ab.
Dann drei weitere.
Danach setzte er sich.
Niemand wusste so recht, was man tun sollte, wenn man nicht wusste, was man tun sollte.
Es war erstaunlich anstrengend.
In der Cafeteria herrschte eine seltsame Energie.
Der Kaffeevollautomat brummte weiterhin mit beeindruckender Konsequenz, ohne nachweislich Kaffee zu produzieren.
Jens sass mit einem Becher heißem Wasser an einem Tisch am Fenster.
Rossi gesellte sich dazu.
Eine Weile schwiegen beide.
Dann sagte Rossi:
„Weisst du, was mich irritiert?“
„Vermutlich mehrere Dinge.“
„Dass niemand hier etwas von mir will.“
„Das geht vorbei.“
„Nein, ich meine wirklich.“
Rossi sah hinaus.
„Keiner braucht eine Entscheidung. Keiner braucht eine Zustimmung. Keiner braucht eine Freigabe.“
Jens nickte.
„Das war für mich am Anfang auch komisch.“
„Und wann hört das auf?“
„Ich sag Bescheid, wenn es passiert.“
Zum ersten Mal lachte Rossi ehrlich.
Am anderen Ende der Cafeteria diskutierten Karla und Fynn.
„Wir brauchen Klarheit“, sagte Karla.
„Warum?“
„Damit wir wissen, was wir machen.“
„Müssen wir das wissen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil Menschen Orientierung brauchen.“
„Vielleicht brauchen sie zuerst Verwirrung.“
Karla schloss kurz die Augen.
„Ich habe vergessen, wie anstrengend Coaches sein können.“
„Ich bin kein Coach mehr.“
„Stimmt.“
„Was bist du?“
Fynn dachte nach.
„Keine Ahnung.“
Das Gespräch endete überraschend friedlich.
Am Nachmittag begann sich die Gruppe zu verteilen. Wie Staub.
Lin verschwand irgendwo in den Archivbereich.
Esmera legte sich in einen Ruheraum und erklärte ihn für spirituell besetzt.
Holger durchsuchte alte Systemverzeichnisse nach Dingen, die eigentlich gelöscht worden waren.
Karla führte Selbstgespräche beim Gehen.
Rossi wanderte ziellos durch die Flure.
Und Jens?
Jens setzte sich auf den Boden.
Einfach so.
Mitten in einen Gang. Er beobachtete Menschen, Türen, Licht. Nichts Besonderes.
Und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Arche atmete. Nicht wirklich. Natürlich nicht.
Und doch hatte er das Gefühl, dass sich das Gebäude tagsüber ausdehnte und nachts wieder zusammenzog. Als würde es zuhören.
Ein Schatten fiel auf den Teppich.
Uwe.
„Du siehst beschäftigt aus.“
„Ich mache nichts.“
„Gut.“
„Ich glaube, hier fällt alles auseinander.“
Uwe sah sich um. Menschen liefen herum. Niemand hatte einen Plan. Niemand führte. Niemand folgte.
„Tut es das?“
Jens überlegte.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein.“
„Interessant.“
„Was?“
„Dass du es bemerkt hast.“
Uwe ging weiter. Wie immer erklärte er nichts.
Am Abend war die Öffnung in der Wand noch immer da. Niemand hatte sie benutzt. Niemand hatte sie geschlossen. Sie gehörte inzwischen einfach zum Raum. Wie ein Fenster. Oder eine Frage.
Jens blieb als Letzter zurück. Die Arche war still geworden. Er stand auf und betrachtete die Öffnung. Etwas daran liess ihn nicht los. Nicht die Öffnung selbst. Eher die Tatsache, dass niemand hindurchgegangen war.
Er trat näher. Auf der anderen Seite erkannte er nun zum ersten Mal einen schwach beleuchteten Korridor. Er war schmal und staubig und offenbar seit langer Zeit nicht benutzt worden. An der Wand hing ein Schild, schief und vergilbt. Fast unlesbar. Jens wischte mit der Hand darüber. Darunter kamen einige Buchstaben zum Vorschein.
PROJEKT P
Er runzelte die Stirn. Darunter stand in kleiner Schrift: Eingestellt vor Freigabe. Begründung: Nicht messbar.
Jens blieb stehen.
Irgendwo tief in seinem Bauch begann etwas zu grinsen.


