Selbstführung beginnt im Beisein der Clique
Zurück in der Arche geht es wieder ans Eingemachte
Der Schaumgeruch wich aus seiner Nase. Er war zurück auf dem Filzteppich und versank in seinen Bürostuhl im Raum für nicht dokumentierte Beschlüsse.
Die Moderationskarte Tu nichts lag noch vor ihm.
Jens beobachtete ihn. Er sah, wie sich etwas in Rossis Gesicht veränderte.
“Ich hatte gerade einen Flashback und war auf einer Beachparty”, sagte Rossi.
Und Jens bestätigte, Rossi sah tatsächlich aus, als hätte er gerade eine alte Excel geöffnet, auf der statt Zahlen plötzlich Szenen aus einem Club erschienen.
„Sie waren 2020 auf Mallorca“, sagte Jens plötzlich.
Rossi blickte auf. „Wie kommen Sie darauf?“
Jens zuckte mit den Schultern. „Ihr Social Media Chef hat das Video damals im Intranet geteilt. #LeadingThroughCrisis. Schaum, Bass, und Sie in weiss.“
Karla schnaufte. „Ich erinnere mich. Ich habe da schon innerlich gekündigt, aber das Video lief automatisch.“
Rossi wollte abwehren, herunterspielen und erklären.
Der alte Reflex: Narrativ kontrollieren.
Doch Uwes Stimme war schneller.
„Modul ‘Führen ohne Publikum’“, sagte er leise. „Heisst: Du musst nichts mehr erklären.“
Rossi sah auf seine Hände. Da war kein Mikro, kein Tablet und kein VIP-Band zu sehen.
„Wissen Sie, was das Schlimmste an dieser Party war?“ fragte er in den Raum.
Niemand antwortete. Gar nicht aus Desinteresse. Sie begriffen langsam, wie diese Räume funktionierten.
Er atmete einmal tief ein.
„Das Schlimmste war… dass ich damals dachte, ich tue das für sie. Für die Leute. Für das Unternehmen. Für die Märkte. Für alle anderen. Und keinen Moment habe ich mich gefragt, ob ich da überhaupt noch ich bin oder nur… ein bewegter Avatar im richtigen Licht.“
Stille.
Jens dachte an seinen KPI-Avatar „Merten5“.
An den Moment, als er ihn eigenhändig abgeschaltet hatte.
Vielleicht war das die heimliche Gemeinsamkeit:
Zwei Männer, die ihre Avatare erst viel zu spät vom Netz genommen hatten.
Uwe räusperte sich.
„Willkommen im fortgeschrittenen Teil, sagte er. „Ab jetzt wird es interessant.“
„Was passiert jetzt?“ fragte Rossi.
Uwe lächelte.
„Jetzt,“ sagte er, „führen Sie zum ersten Mal jemanden, für den Sie nie zuständig waren.“
„Wen denn?“ Rossi sah sich um.
Uwe deutete auf Jens.
„Dich selbst,“ sagte er. „Und einen Ex-CPO, der gelernt hat, ohne Publikum zu verhandeln aber noch nicht mit sich.“
Jens und Rossi sahen sich an.
Für einen kurzen Moment war da kein CEO und kein Einkäufer. Nur zwei Männer, die begriffen hatten, dass ihre wichtigsten Führungsentscheidungen ausgerechnet jetzt begannen. Hier, in einem Raum, in dem niemand mehr klatschte.
Und irgendwo tief in der Arche, im Projektarchiv, flackerte kurz ein alter Systemhinweis auf, unsichtbar für alle:
Status: Führungssimulation verlassen.
Nächster Schritt: Beziehung in Echtzeit.


