Übergangskompetenz
Die Kunst, gleichzeitig fertig und unfertig zu sein
Die Geschichte nähert sich einem vorläufigen Höhepunkt. Jens hat den Ankommens-Schmerz weitgehend durchlebt. Er ist auf seiner Entlernreise, oder Rückbildung, wie Uwe das nennt, weiter gekommen, als er es je für möglich gehalten hätte. Jens wurde sogar zu so einer Art Pate für den Neuankömmling Rossi. Nun steht die Gruppe vor einer gravierenden Entscheidung und es bricht Chaos aus, weil sie sich nicht einig werden: Gehen wir nun den neuen Weg oder bleiben wir (noch)?
Das Loch in der Wand scheint ein Symbol für eine Schwelle zu sein. Liegen dahinter neue Möglichkeiten? Vielleicht ist es ein Ausweg. Vielleicht ein Anfang. Vielleicht auch nur die nächste Illusion. Niemand traut sich hindurch zu gehen. Die Existenz der neuen Möglichkeiten sorgt für Diskussionsstoff.
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Die Öffnung war am nächsten Morgen noch da.
Niemand hatte sie geschlossen.
Niemand hatte sie benutzt.
Dafür hatte irgendjemand einen Ficus davor gestellt.
„Wer war das?“, fragte Holger.
Niemand antwortete.
„Das ist eine Tür.“
„Vielleicht mag die Pflanze Licht“, sagte Fynn.
„Die Pflanze stand seit drei Monaten im Keller.“
„Dann wird es Zeit.“
Holger schob den Ficus zur Seite.
Als er fünf Minuten später zurückkam, stand er wieder davor.
„Das gibt’s doch nicht.“
Er zog die Pflanze diesmal bis in die Cafeteria.
Eine Stunde später stand sie wieder vor der Öffnung.
„Okay“, sagte Holger.
„Jetzt reicht’s.“
Er setzte sich direkt vor den Durchgang.
Verschränkte die Arme.
„Ich gehe hier erst weg, wenn jemand zugibt, wer das macht.“
Lin kam vorbei. Blieb kurz stehen. Sah Holger an. Sah die Pflanze an. Ging weiter.
Rossi tauchte auf.
„Was passiert hier?“
„Sabotage.“
„Von wem?“
„Genau das versuche ich herauszufinden.“
Rossi nickte und setzte sich daneben.
Zehn Minuten später saßen beide vor der Öffnung.
Zwanzig Minuten später kam Karla.
„Was macht ihr?“
„Wir beobachten.“
„Wen?“
„Die Pflanze.“
Karla ging wortlos wieder. Als sie zurückkam, hatte sie Popcorn dabei.
Jens fand die Gruppe eine Stunde später.
Drei ehemalige Führungskräfte saßen auf dem Boden und beobachteten einen Ficus.
„Was habe ich verpasst?“
„Noch nichts.“
„Und worauf wartet ihr?“
„Auf Bewegung.“
Jens betrachtete die Pflanze. Dann die Öffnung. Dann die Menschen.
„Ihr habt alle Angst.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Wovor?“, fragte Rossi.
Jens deutete auf die Öffnung.
„Wenn jemand durchgeht, wird’s ernst.“
Niemand widersprach. Der Ficus stand wieder da. Diesmal hatte ihm jemand sogar einen kleinen Stuhl daneben gestellt. Darauf lag eine Moderationskarte: Torwache
Holger war fassungslos.
„Das ist nicht mehr lustig.“
„Wer sagt, dass es lustig sein soll?“, fragte Karla.
„Irgendjemand verhindert aktiv Fortschritt.“
„Oder schützt uns vor ihm.“
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
„Willkommen in der Arche.“
Holger schnappte sich den Ficus. Diesmal endgültig. Er trug ihn den Flur entlang. Durch zwei Türen. Eine Treppe hinunter. Bis in den Raum der ungeklärten Zuständigkeiten. Dort stellte er ihn in einen Besenschrank. Er schloss die Tür. Dann nahm er den Schlüssel mit.
„So.“
Er klopfte sich die Hände ab.
„Problem gelöst.“
Als er zurückkam, saß Rossi vor der Öffnung. Und neben ihm: der Ficus.
Holger blieb stehen.
„Nein.“
Stille.
„Nein.“
Niemand sagte etwas.
„NEIN!“
Er zeigte auf die Pflanze.
„Hat das irgendjemand gesehen?“
„Was genau?“, fragte Fynn.
„Die Pflanze!“
„Welche?“
Holger ging ein paar Schritte rückwärts. Atmete tief durch. Kam wieder. Der Ficus war immer noch da.
„Ich werde verrückt.“
„Das wäre immerhin mal etwas Neues“, sagte Karla.
Zum ersten Mal seit Tagen verlor Holger die Beherrschung. Er griff nach den Moderationskarten auf dem Tisch und warf sie quer durch den Raum. Die Karten flatterten wie erschöpfte Tauben durch die Luft. Vision, Purpose, Nächste Schritte, Low hanging fruits. Eine landete direkt in Rossis Gesicht.
„Aua.“
„Gut.“
„Wie bitte?“
„Das war für zehn Jahre Strategiemeetings.“
Rossi stand auf. Langsam. Zu langsam. Jens erkannte den Blick. Den kannte er von Verhandlungen. Da war jemand getroffen worden. Nicht von der Karte. Von etwas anderem.
„Du glaubst wirklich, alles sei meine Schuld?“, fragte Rossi.
„Nein“, sagte Holger.
„Das wäre viel zu einfach.“
„Dann sag es richtig.“
„Gerne.“
Holger trat näher.
„Leute wie du haben Unternehmen geführt wie Tabellenkalkulationen.“
„Und Leute wie du haben jede Entscheidung mit fünfzehn Excel-Blättern abgesichert.“
„Immerhin habe ich gearbeitet.“
„Was soll das heißen?“
Jetzt standen sie sich direkt gegenüber. Jens erhob sich. Nicht schnell, eher vorsorglich.
„Lasst gut sein.“
„Nein“, sagten beide gleichzeitig.
Karla begann zu lachen.
„Ihr seid unglaublich.“
„Was ist daran lustig?“, fauchte Holger.
„Dass ihr beide immer noch denkt, einer von euch hätte gewonnen.“
Das saß. Holger wollte etwas erwidern. Tat es aber nicht. Rossi auch nicht. Für einen Moment war nur das Brummen der Lüftung zu hören. Dann geschah etwas Merkwürdiges.
Lin stand auf. Nahm den Ficus. Öffnete die Öffnung und stellte die Pflanze auf die andere Seite. Einfach so.
Alle verstummten.
„Was machst du da?“, fragte Jens.
Lin klopfte Erde von ihren Händen.
„Ich habe keine Ahnung.“
Sie zeigte auf die Pflanze.
„Aber offenbar wollte wenigstens einer von uns weitergehen.“
Niemand lachte oder diskutierte.
Der Ficus stand nun auf der anderen Seite.
Und zum ersten Mal wirkte die Öffnung nicht mehr wie eine Möglichkeit. Sondern wie eine Entscheidung. Keiner bewegte sich. Doch irgendetwas war verrutscht. Nicht in der Wand. In ihnen.



