Purpose Alignment
Wie schaue ich nach vorne? Finde ich meinen Sinn oder verharre ich in alten Strukturen und Denkmustern?
Uwe blickt die Gruppe an. Zum ersten Mal nicht wie ein Prozessbegleiter sondern wie jemand, der weiß, dass etwas beginnt.
„Ihr wisst, was jetzt kommt, oder?“, sagt er. Karla verdreht leicht die Augen. Holger grinst. Lin sitzt bereits im Schneidersitz.
„Purpose Alignment“ erscheint als Überschrift auf dem Terminal. Darunter:
„Frage: Welchen Zweck erfüllst du, wenn dich niemand mehr braucht?“
Jens will widersprechen. Doch bevor er das tun kann, fährt Esmera das Licht runter und legt ein altes Flipchartpapier in die Mitte. Darauf ist ein leerer Kreis gezeichnet.
„Das ist dein Wirkungsfeld“, sagt sie. „Trag nichts ein. Spür’s erstmal.“...
“Stop” - unterbricht Rossi.
“Ich möchte euch erst mal kennenlernen. Wo kommt ihr her, wer wart ihr vorher usw.”
Es regt sich leichter Widerstand in der Gruppe. Sie schauen sich an und der Gedanke “das ist nicht wichtig” scheint allen ausser Rossi ins Gesicht geschrieben zu stehen.
Uwe setzt wieder den Begleiter Hut auf und legt fest:
“Also gut, bevor wir in die eigentliche Frage rein gehen, schauen wir erst mal, wer alles da ist”.
Uwe tippt auf einen Apparat, den er in der Tasche hat. Dann taucht die “Wand der Auslaufmodelle” als holographische Version mitten im Raum auf. Alle staunen und raunen ein “Wow”.
Jens erinnert sich an die Papier-Version der Wand der Auslaufmodelle, die er vor einiger Zeit studiert hat. So wurden ihm damals seine neuen Gefährten vorgestellt, als Auslaufmodelle... Jetzt geht Rossi einen Schritt vor und schaut sich bedächtig um und stellt sich vor die holografischen Fragmente seiner ehemaligen Angestellten. Sie flimmern in der Luft und leise tönt ein Chor: „Schreibe deine Geschichte neu.“ Doch wie soll das gehen, wenn die Vergangenheit ihn in Räumen gefangen hält, zwischen gefilterter Luft und dem Summen von Servern? Purpose Alignment - der Begriff klingt wie eine weitere Unternehmensfloskel, die in einem Workshop geboren wurde, um Sinn zu suggerieren, wo keiner ist. Doch hier, in der Arche B, scheint er eine andere Bedeutung zu haben.
Karla tritt näher und legt eine Hand auf Rossis Schulter. „Purpose Alignment ist kein Prozess. Es ist eine Entscheidung. Nicht die KI, nicht die Arche, nicht wir. Nur du bestimmst, was deine Geschichte ausmacht.“ Ihre Stimme ist ruhig, aber bestimmt, als würde sie eine Wahrheit ausgraben, die Rossi längst vergessen hat.
„Werde ich auch zum Hologramm? Und wie soll ich das anstellen?“ fragt er, halb skeptisch, halb neugierig. Sein Blick wandert zu den animierten Gifs in der Luft, die nun stillstehen, als warteten sie auf seine Antwort.
„Indem du aufhörst, dich zu verstecken“, sagt Lin Mei, die plötzlich auch neben ihm auftaucht. Ihr Hologramm ist verschwunden, stattdessen steht sie real vor ihm, in einem schlichten Overall, der nichts von ihrer früheren Keynote-Präsenz hat. „Weißt du noch, was ich im Workshop gesagt habe? Agilität ohne Absicht ist nur Bewegung. Purpose Alignment heißt, deine Absicht zu finden. Nicht die der Firma, nicht die der KI, sondern deine. Was entspricht dir?“
Holger nickt und fügt hinzu: „Der Sourcing-Bot, mit dem ich arbeite, hat eine Datenbank voller ‚vergessener Handlungen‘. Aber weisst du, was er nicht speichert? Warum wir diese Handlungen geplant haben. Das Warum ist das Einzige, was die Maschinen nicht knacken können. Das gehört dir.“
Rossi fühlt sich, als würde die Arche B ihn zwingen, in einen Spiegel zu schauen, den er jahrelang gemieden hat. Jens steht weiter hinten. Er ist aber genauso gemeint. Von ihm existiert auch noch kein Hologramm. Jens denkt an die Rauchkabine, an die umgekippte Zelle in seinem Tagtraum… Ein Bild von Befreiung, aber auch von Chaos. „Und wenn ich kein ‚Warum‘ finde und mit meiner Denkzelle zusammen umfalle, also im übertragenen Sinne?“ fragt er leise. Die anderen wenden sich nun auch ihm zu.
Esmera, die bisher schweigend zugehört hat, lächelt sanft. „Dann fängst du mit dem an, was du fühlst. Nicht denken, fühlen. Welche Szene ist präsent? Deine Denkzelle, die umkippt, das ist kein Zufall. Das ist ein Signal. Dein Purpose ist da drin, irgendwo zwischen den Scherben.“
Karla übernimmt wieder: „Purpose Alignment ist kein Ziel, das du erreichst. Es ist ein Prozess, bei dem du dich selbst enttarnst. Schicht für Schicht. Die Arche B ist kein Gefängnis. Sie ist ein Raum, um dich zu erinnern, wer du warst, bevor die Prozesse und KPIs dich verschluckt haben.“
Jens und Rossi schweigen. Sie fürchten, was nun kommt. Sie werden als nächstes die andere Profile erforschen und dann die grosse Frage beantworten müssen: Wie werden sie als Hologramme der Nachwelt erhalten bleiben und können sie dabei mitreden?


