Platz lassen
Das Neue beginnt, sich seinen Raum zu nehmen
Jens wacht auf, schreckt hoch und schreit: “*%&* Alles nur ein Traum?”
Er grübelt und spricht leise weiter:
“Habe ich geträumt? Karla, Fynn, Lin, Uwe? Seid ihr da?”
Nichts. Niemand antwortet. Jens ist verwirrt. Was, wenn er immer noch im Einkauf arbeitet? Er kann nicht glauben, dass er das alles nur geträumt haben soll. Sein Ankommen im Übergangsraum, der Kaffeevollautomat, der nur noch aus Gewohnheit brummte, die Initiation, die schwitzenden Männerkörper, der Schwellengang… So viel kann man doch nicht auf einmal träumen - oder doch? Das wäre echt schade. Sein neues Leben gefiel ihm. Er mochte sogar die Unsicherheit. Besonders reizend war für ihn das Geheimnisvolle, das alles irgendwie umgab. Es hing Aufbruch in der Luft. Also: wie geht es weiter?
“Ich will nicht zurück!” schrie er nochmals.
Nun schien es, als ob Karla sich über ihn gebeugt hatte. Sie schüttelte ihn: “Jens, wach auf! Du hast geträumt”.
Jens war überglücklich und er umarmte Karla fest.
Er stand auf und Karla hielt ihn noch einen Moment fest. Sie sind fast gleich gross und ihre Becken berühren sich dabei. Nicht lange. Nur so lange, bis er aufhört, sich zu vergewissern, dass sie da ist.
„Du warst weg“, sagt sie ruhig.
„Ganz kurz.“
Jens atmet noch schwer.
„Ich dachte… ich bin zurück.“
„Wo ist zurück?“, fragt Fynn von der Seite.
Jens antwortet nicht sofort.
Er lässt die Frage kurz stehen.
Dann, leiser:
„Da, wo alles wieder Sinn macht. Aber nur auf dem Papier.“
Holger grinst schief.
„Klingt anstrengend.“
Jens schaut sich um.
Der Raum ist noch da.
Aber irgendetwas stimmt nicht mehr ganz.
Die Wand.
Sie ist nicht mehr leer.
Nicht voll und auch nicht leer.
Zwischen den Feldern sind kleine Unschärfen entstanden.
Wie Risse oder Öffnungen.
„Seht ihr das?“, fragt Jens.
Lin tritt näher.
„Das ist kein Fehler“, sagt sie.
„Was dann?“
Sie schaut ihn an.
„Das ist Platz, der sich selbst sucht.“
Jens lehnt sich zurück und versucht, in diesen Gedanken zu versinken.
Doch ein kurzer Stich stört ihn, sein Traum scheint noch aktiv zu sein.
„Ich habe Familie“, sagt er plötzlich.
Niemand reagiert. Instinktiv spüren sie: Jens ist an einem spannenden Punkt.
„Ich weiß nicht, wo sie ist“, fügt er hinzu.
„Oder… ob ich überhaupt noch dazugehöre.“
Esmera nickt langsam.
„Das passiert, wenn man zu lange funktioniert.“
Rossi schaut ihn an.
Zum ersten Mal ohne Vergleich.
„Ich bin auch nie wirklich nach Hause gegangen - ich habe zwischen Terminen gewechselt.“, sagte Rossi.
Stille.
Dann sagt Jens etwas, das nicht geplant war:
„Was, wenn wir nicht zurückgehen müssen…“
Alle schauen ihn an.
Er steht auf.
Langsam.
„… sondern raus?“
Fynn runzelt die Stirn.
„Raus wohin?“
Jens schaut zur Wand.
Zu den Rissen.
Zu den offenen Stellen.
„Da.“


